Nach langen und kalten Winterwochen lockt uns jetzt im Frühling alles nach draußen. Die Natur wahrnehmen und erleben, Kraft aus der Bewegung schöpfen, Alltagssorgen hinter sich lassen, neue Perspektiven gewinnen: All das erlebt, wer sich zu Fuß auf den Weg macht – und aufschreibt, was ihn bewegt.

Sonntagmorgen, sieben Uhr. Es ist gerade hell geworden, eine Amsel sitzt auf dem Geländer meines Schlafzimmerbalkons und singt ihr schönes Lied. Die letzte Woche war anstrengend, ich habe viel gearbeitet, war jeden Abend unterwegs: Netzwerkveranstaltungen, Sport, Freunde treffen. Ich liebe dieses Leben, den Kontakt zu anderen Menschen. Aber dieser Tag heute gehört nur mir allein. Mein Wanderrucksack wartet schon gepackt im Flur, die Wanderstiefel daneben. Ich stehe auf, mache mich bereit. Eine halbe Stunde später bin ich unterwegs. Mit der S-Bahn fahre ich noch ein Stück, dann stehe ich am Ausgangsort meiner Wanderung. Die Luft ist frisch und klar, und ich habe Glück: Keine Wolke zeigt sich am Himmel. Es ist Frühjahr, die Bäume tragen noch keine Blätter, dafür blühen sie – genauso wie die ersten Frühjahrswaldpflanzen: Buschwindröschen, Huflattich, Gänseblümchen und Löwenzahn. Alle schon da.

Glück breitet sich aus

Ich verlasse den S-Bahnhof, entdecke sofort das erste Schild, das mich auf meinen markierten Wanderweg leitet, und laufe los. Zunächst noch über Asphalt, nach ein paar hundert Metern biege ich in den ersten Feldweg ein. Wie immer am Beginn einer Wanderung gehe ich sehr schnell – in mir breitet sich unfassbares Glück aus: Ich habe einen ganzen Tag vor mir. So viele Stunden in dieser wunderbaren Luft, in der Sonnenhelle, unter der Heiterkeit des Himmels. Atmen. Eine Lerche steht über dem freien Feld und schlägt mit den Flügeln. Ihr Gesang ist reine Musik – einer der schönsten Soundtracks des Universums. Schnell wird mir zu warm, ich halte an, um die Jacke auszuziehen und sie im Rucksack zu verstauen.

Alltagssorgen

Im Weitergehen schießen mir viele verschiedene Gedanken durch den Kopf. Ich habe es letzte Woche nicht mehr geschafft, diesen einen Text fertigzustellen. Das werde ich gleich am Montag erledigen müssen. Dann gerate ich aber an anderer Stelle in Terminschwierigkeiten – so fängt die neue Woche schon wieder mit Zeitdruck an. Warum hat dieser eine Kunde nicht zurückgerufen, er wollte mir doch Bescheid geben, ob er mein Angebot akzeptiert. Unerledigtes, Termindruck, immer. Hört das jemals auf? Ballast aus meinem Alltag.

Mittlerweile bin ich vom Feldweg abgebogen und gehe nun durch den lichten Frühlingswald. Die Sonnenstrahlen fallen bis auf den Waldboden. Der schmale Pfad führt lange bergauf, immer wieder steige ich über Baumwurzeln und große Steine. Zwischen dem herumliegenden Herbstlaub vom letzten Jahr schießt junges, strahlendes Grün aus der Erde. Weiße Blüten überall. An den Ästen der Laubbäume sehe ich dicke Knospen. Oben angekommen, steht eine Bank am Waldrand. Von dort kann ich über die Hügel schauen, gelassene grüne Wellen bis zum Horizont: Wiesen und Wälder, hier und da ein Windrad.

Aufschreiben, ohne nachzudenken

Ich setze mich auf die Bank, stelle den Rucksack neben mich, packe meine Wasserflasche aus, meine Kladde und einen Stift. Wie immer, wenn mein Kopf so voll ist, drängt es mich, die Dinge aufzuschreiben, und genau das tue ich jetzt: Völlig unsortiert und wild durcheinander werfe ich einzelne Worte aufs Papier, manchmal ist auch ein halber oder ein ganzer Satz dabei, ganz egal: Raus damit! Alles, was mir durch den Kopf schießt, schreibe ich auf, ohne nachzudenken, ohne eine Pause zu machen. Ein paar Minuten lang. Dann hebe ich den Blick, schaue ich mich um. Die grünen Hügel zeigen sich gänzlich unbeeindruckt von dem, was mich beschäftigt und aufwühlt. Sie waren schon lange vor mir da und werden es lange nach mir sein. Der Blick in die Ferne hilft mir, das, was mich beschäftigt, unter einem anderen Vorzeichen zu sehen: Ist es das wirklich wert, dass ich mich davon stressen lasse? Werde ich mich auch in einem Jahr noch damit beschäftigen? Wohl kaum.

Ich schaue auf die Seite in meiner Kladde, die ich vorhin so schnell vollgeschrieben habe. Einzelne Worte fallen mir besonders auf, sie bringen etwas stärker in mir zum Klingen als andere. Diese Worte nehme ich und forme daraus einen kurzen Text. In ihm steckt der Kern meiner Gedanken an diesem Morgen. Ich merke, wie die Probleme, die vorhin noch so mächtig in meinem Kopf waren, Stück für Stück den richtigen, ihnen angemessenen Platz finden. Sie werden nicht unwichtig. Aber deutlich kleiner. Angesichts der großen und herrlichen Natur um mich herum schrumpft alles andere auf ein sehr erträgliches Normalmaß. Auch meine Alltagssorgen.

Ich brauche nicht viel

Als ich meine Sachen zusammenpacke, um weiterzugehen, fällt mir – wie eigentlich auf jeder Wanderung – auf, wie glücklich mich die Gewissheit macht, das alles, was ich wirklich brauche, in einen Rucksack passt. Und das gilt auch für mein ganzes Leben: Ich bin gerne mit leichtem Gepäck unterwegs, sortiere immer wieder aus, verschenke, was ich nicht mehr brauche. Es gibt eine Ausnahme: Bücher. Davon werde ich vermutlich in diesem Leben nie genug bekommen. Aber ansonsten häufe ich keine Dinge an. Es ist mir nicht wichtig, mich mit Materiellem zu umgeben. Was mir dagegen Sicherheit gibt, ist das Wissen, dass ich mit sehr wenig wunderbar zurechtkomme und kein Gefühl des Mangels verspüre – sondern im Gegenteil Leichtigkeit und Energie.

Stunden später, fast am Ende meiner Wanderung, führt mich mein Weg in ein kleines Tal hinunter. Am Talgrund fließt ein Fluss, seine Ufer sind gesäumt von Wiesen. Löwenzahn, soweit das Auge reicht. Überall erklingen Vogelstimmen. Was für ein herrlicher Tag! Die Energie, die ich schon zu Beginn auf dem Berg gespürt habe, ist unterwegs immer stärker geworden. Meine Beine fühlen sich nicht mehr ganz so frisch an – aber dafür ist mir eingefallen, wie ich meinen Zeitdruck in der nächsten Woche abstellen kann. Ich habe auch gleich noch zwei Lösungswege für ein kniffliges Kundenproblem entwickelt und außerdem einen genialen Geistesblitz für ein gemeinsames Projekt mit einer Kollegin.

Wandern ist gesund

Kurz bevor ich wieder an der S-Bahn ankomme, die mich nach Hause bringt, hole ich an einem Rastplatz noch einmal meine Kladde aus dem Rucksack. Ich schreibe die Ideen auf, die ich unterwegs hatte. Und fasse die Eindrücke des Tages in einem Haiku zusammen – einem dreizeiligen Gedicht, dessen erste und zweite Zeile jeweils 5 Silben umfassen und die dritte Zeile 7 Silben. In diesen Worten sind meine Emotionen und Gedanken des heutigen Tages verdichtet. Ich weiß: Wenn ich die Zeilen später einmal lese, wird dieser Tag vor meinem inneren Auge wiederauferstehen und mir all das unmittelbar in Erinnerung rufen, was ich erlebt, gesehen und wahrgenommen habe – besser als jedes Foto es könnte.

Und genau das ist es, was das Wandern mit mir macht: Ich spüre, wie mich meine Kraft durch die Landschaft trägt. Ich kann meine Sinne öffnen und Gedanken freilassen. Sorgen relativieren sich. Ich finde zu meiner Ruhe und Energie zurück. Werde mir darüber klar, was ich wie anpacke. Mit jedem Schritt spüre ich, was der Psychiater Markus Fischl von der Landesnervenklinik in Linz gesagt hat: „Wandern wäre unbezahlbar, wenn man es als Medikament verkaufen würde.“

Diesen Text habe ich ursprünglich für den Coaching-Brief „Authentisch leben“ der Gutshof Akademie bzw. Kloster auf Zeit geschrieben – danke, lieber Rainer Wälde, für die Veröffentlichungserlaubnis hier im Blog!